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15.05.18 20:54 Adroth Rian
Allgemeine Handelssprache
der Mani

Wie ihr bereits mitbekommen habt, müssen wir viele Dinge parallel zueinander ausarbeiten. Der Grund dafür ist, dass bei der Entwicklung einer komplett neuen Welt alles miteinander zusammenhängt und ineinander übergreift. Auch der Faktor Zeit spielt dabei eine Rolle: Wenn man verschiedene Themen miteinander kombinieren kann, tut man das, um ein wenig Zeit zu sparen.

Die allgemeine Handelssprache beschäftigt mich schon seit Jahren, aber ich bin nie besonders weit damit gekommen. Das hängt vermutlich damit zusammen, dass ich mich immer nur stückeles damit beschäftigt hatte. Immer wieder notierte ich mir die eine oder andere Kleinigkeit und mit der Zeit hatte sich ein ganzer Haufen Aufschriebe angesammelt. Als Shin und ich uns wieder an das Thema heranzutasten begannen, entschied ich mich, meine alten Aufzeichnungen wieder auszubuddeln, musste aber sehr schnell feststellen, dass sie in meinem Arbeitschaos verschollen waren (und immer noch sind). Ja. Sie sind nicht mehr auffindbar. Zuerst ärgerte ich mich extrem darüber, aber mittlerweile denke ich: "Sei's drum." Ich habe während der letzten Wochen ein gänzlich neues Gefühl für die allgemeine Handelssprache entwickelt und deshalb packen Shin und ich die ganze Sache jetzt ganz einfach vom Neuen an.

Sprache ist für jeden von uns allgegenwärtig. Viele beherrschen neben ihrer Muttersprache mindestens noch eine Fremdsprache oder einige mehr. Die Sprache per se ist ein sehr komplexes Thema und beeinflusst alle unsere Lebensbereiche, aber vor allen Dingen beeinflusst sie unsere Sicht auf die Welt und unsere Denkweise.
Sprache ist nicht nur eine Kombination aus Worten, die sich zu Sätzen zusammenfügen – viel mehr ist sie ein Zusammenspiel aus allem, was wir sind. Die Worte, die ich wähle, sind nur ein kleiner Bruchteil meiner Botschaft. Meine Intonation, Mimik und Körperhaltung, ja sogar der Abstand, den ich zu meinem Gegenüber wahre – das alles zusammengenommen ergibt erst ein schlüssiges Bild. Eine andere Frage ist natürlich, ob mein Gesprächspartner mich richtig lesen kann, denn abhängig von seinem und meinem Kulturkreis müssen wir gegebenenfalls erst lernen, einander richtig zu verstehen, selbst wenn es keine offensichtliche Sprachbarriere zwischen uns zu geben scheint.

Die allgemeine Handelssprache setzt sich hauptsächlich aus den drei Sprachen "кузэмбаба" (die Sprache der Vorfahren), "Moistakheel" (Gnomisch) und "Nuiwi" (Fentisch) zusammen und beinhaltet Elemente aus dem Deutschen, Französischen und Englischen. Die Einflüsse aus dem Deutschen und Französischen stammen von den Feen und Fents, die im Verlauf der Altatranischen Geschichte auf die Erde geflohen waren und nach einigen Jahrhunderten wieder aus ihrem Exil zurückkehrten. Englische Worte flossen mit dem verstärkten Zulauf der Menschen auf Altatran ebenfalls in die allgemeine Handelssprache mit ein.

Gestern meinte Shin, dass die allgemeine Handelssprache sehr emotionslos wirkt. Aber ich glaube, dass das nur auf den ersten Blick so scheint. Wenn ich an der allgemeinen Handelssprache arbeite, fühle ich mich an meine Japanischkurse in Kansas City erinnert. Da hieß es auch immer: Wenn man versucht, einen Japanischen Text stumpf ins Englische zu übersetzen, kommt nur gequirlte Scheiße dabei heraus. Bei der Übersetzung aus dem Japanischen ist man gezwungen zwischen den Zeilen zu lesen und muss extrem auf den Gesamtkontext achten. Daraufhin habe ich ein kleines Schreibexperiment gestartet und einen Text auf Deutsch verfasst, allerdings so, wie er auf der allgemeinen Handelssprache wirken würde:

Viele Jahre vergehen,
doch ich sehe mich um und habe immer noch das Gefühl,
als sei ich erst seit gestern hier.
Alles ist anders und doch wie immer.

Ständig trage ich all die Erinnerungen bei mir,
die niemals verblassen, obwohl sie der Vergangenheit angehören.
Wir können uns niemals mehr auseinanderleben,
so sehr haben wir uns lieb gewonnen -
und auch in den entlegensten Winkeln des Universums
denke ich an euch.

Aber nun muss ich gehen. Ich kann nicht anders -
ich löse mich, auch wenn mich der Abschied sehr schmerzt.
Ihr gebt mir das Gefühl von Heimat an diesem Ort -
früher noch eine Zuflucht, heute ein hübscher Käfig.
Draußen ist die Luft so frisch -
lasst mich noch ein wenig atmen und ich verspreche euch,
eines Tages kehre ich zurück.

Meine Lieben, vergießt jetzt keine Tränen:
Die Trennung ist nur von kurzer Dauer,
wenn ihr mit Frohsinn in die Zukunft schaut.
Muss ich ein Lächeln aus euch herauskitzeln?
Auch meine Augen brennen und sind schon ganz rot.

Wir bleiben alle auf dieser Welt, das wisst ihr doch.
Dieser Planet, verglichen mit dem Weltall,
ist nur eine winzige Kugel, die im Handumdrehen umrundet ist.
Alles kehrt zurück über kurz oder lang.


Für mich persönlich steckt dieser Text voller Emotionen, auch wenn er auf den ersten Blick eher plump erscheint. Da ich die Charaktere kenne, die zwischen den Zeilen dieses Textes verborgen sind (und auch ihr lernt sie schon sehr bald kennen – sie sind alle unglaublich liebenswert), empfinde ich eine unbeschreibliche Trauer, wenn ich den Text wiederholt lese. Ich weiß nicht, wie unsere Lektorin das empfindet: Steffi, erstes Kapitel – Du weißt ja wahrscheinlich schon, aus wessen Sicht der Text geschrieben ist, oder? Fühlst Du Dich emotional irgendwie angesprochen? Oder eher "meh"? Boah, ich krieg gerade voll Bock jemanden zu umarmen...

Das Coole an der allgemeinen Handelssprache ist, dass es in ihr keine Vergangenheits- oder Zukunftsformen gibt, und auch nach komplizierten Fällen würdet ihr hier vergeblich suchen. Eine der einfacheren Regeln ist, dass Worte und Wortkombinationen der Zeitbestimmung (heute, gestern, morgen, in der Zukunft, früher, in der Vergangenheit) immer ganz an den Anfang des Satzes gesetzt werden. Das bedeutet zwar auch, dass es für all diejenigen, die neu in ein Gespräch mit einsteigen, schwieriger ist festzustellen, worum es gerade geht, aber über den Kontext im weiteren Verlauf des Gespräches werden auch sie ihre richtigen Schlüsse ziehen können.

Auch haben wir uns mit Shin darauf geeinigt, dass es in der allgemeinen Handelssprache keine Groß- und Kleinschreibung geben wird. Eigennamen allerdings erhalten ein Apostroph über ihrem Anfangsbuchstaben. Wie genau das alles aussehen wird, wissen wir aber noch nicht.

Die Verben in der allgemeinen Handelssprache haben immer eine klar erkennbare Form und bleiben stets unverändert. Jedes Verb endet mit einem "ть" (ein weiches "t"). Andere Wortarten gibt es mit dieser Endung nicht. Hier ein paar Beispiele für Verben: бабать (reden), зить (sein), хочить (wollen) oder грюмить (weinen). Verneint werden die Verben mit einem einfachen "ни", welches vor das zu verneinende Verb gesetzt wird.

"че бабать" bedeutet also, je nach Kontext, "ich rede", "ich redete" oder "ich werde reden"
"че ни бабать" dementsprechend "ich rede nicht", "ich habe nichts gesagt" oder "ich werde nichts sagen".

Festgelegt haben wir auch, dass es in der allgemeinen Handelssprache drei sehr essenzielle Worte gibt, die zu keiner der bestehenden Wortgruppen gehören. Das wären:

я – Fragewort (gesprochen "ja")
то – Feststellung, eine unumstößliche Aussage (gesprochen "to")
ха – Ausrufewort (gesprochen wie das "ha" beim "Hamster)

Mit dem Fragewort "я" kann man aus jedem Satz eine Frage machen, indem man es einfach ans Ende des Satzes anhängt:

1. "че хочить тош." (Ich will das.)
2. "ааh… че хочить тош я." (Hm… Will ich das?)
3. "че хочить тош я?" (Will ich das?)

Die Sätze zwei und drei bekommen durch die Intonation eine etwas andere Bedeutung. Beim zweiten Satz werden ein Zweifel bzw. eine Überlegung ausgesprochen: "Will ich dieses Ding wirklich? Brauche ich das? Ich bin mir nicht sicher, aber ich bin noch am Schwanken… Vielleicht brauche ich es ja doch?" Die Stimme bleibt dabei gleichmäßig.
Beim dritten Satz wird die Stimme bei dem "я" am Ende des Fragesatzes etwas gehoben, um eine deutliche Frage zu formulieren. Bei diesem Beispiel ist der Sprecher sich hundertprozentig sicher, dass er das, was ihm angeboten wird, nicht will, auch wenn der Verkäufer ihn vom Gegenteil zu überzeugen versucht:

Verkäufer: "май май! двиче хочить тош то!" – "Ja ja! Du willst das unbedingt haben!"
Käufer: "че хочить тош я?" – "Will ich das?" (Ausdruck von Skepsis)

Die beiden Worte "то" und "ха" funktionieren nach demselben Prinzip wie das Fragewort "я" und werden auch bei Bedarf ans Ende eines Satzes angehängt:

1. "двиче зить мудвой." – "Du bist müde."
2. "двиче зить мудвой то." – "Du bist müde." (Feststellung: Du bist müde, geh schlafen)
3. "двиче зить мудвой ха." – "Du bist ja jetzt schon müde…" (vorwurfsvoll)
4. "двиче зить мудвой ха?" – "Bist Du jetzt schon müde, oder was?" (erstaunt, überrascht)

Die Worte für Feststellung, Frage und Ausruf können im Übrigen auch für sich allein in einem Satz stehen:

"я." – nachdenkliches "Hm"
"я?" – "Hm?", "Was?"
"то, то." – "Doch, doch."
"ха..." – "Oha…"
"я ха?!" – "Was zum...?"

Auch die Personalpronomen haben wir schon festgelegt, allerdings nur im Nominativ. Was wir mit Akkusativ, Genitiv und Dativ anstellen, müssen wir uns noch gaaanz genau überlegen… Ihr wisst ja: Fälle waren in der allgemeinen Handelssprache nicht mit eingeplant.

ich – че
du – двиче
er – двичек
sie – двичка
es – двичко
wir – симче
ihr – симдиче
sie – двички

Hier wird im Übrigen die Einstellung der Mani zu ihren Gesprächspartnern deutlich: Das Wort "че" bedeutet zum einen "ich", zum anderen kann es aber auch mit "Wesen" und als die Zahl "eins" übersetzt werden. Man könnte meinen, dass man sich damit automatisch in den Mittelpunkt rückt, doch anders als in der Sprache der Shée, in der nur zwischen "ich" und "nicht ich" unterschieden wird, zeigen Mani bereits über ihre Sprache Verbundenheit und Dazugehörigkeit zu ihrer Umgebung. "двиче" zum Beispiel setzt sich aus den Worten "дви" (die Zahl zwei) und "че" zusammen, was so viel bedeutet wie das "zweite ich". Damit vermittle ich sprachlich, dass ich mich mit meinem Gesprächspartner auf die gleiche Augenhöhe begebe und ihn so behandeln werde, wie ich selber gern behandelt werden möchte. Nach dem gleichen Prinzip funktioniert auch das Wort "симче" für "wir". "сим" bedeutet "sieben". Die Idee mit den "sieben ichs" habe ich ursprünglich aus dem Russischen entliehen. In meiner Muttersprache gibt es nämlich das Wort "семья". Es bedeutet übersetzt "Familie" und ich hatte mir eigentlich noch nie wirklich Gedanken bei der Benutzung dieses Wortes gemacht, bis ich irgendwann realisiert hatte, woraus sich "семья" zusammensetzt. "семь" ist die Zahl sieben und "я" bedeutet im Russischen "ich". Auf einmal machte dieses Wort so unglaublich viel Sinn! Ich war so begeistert, dass ich es in die allgemeine Handelssprache übertragen musste – und so wurde dieses Prinzip auf die Personalpronomen angewandt.

Aktuell arbeiten Shin und ich mit einer Zeichenmischung aus dem Russischen und Deutschen Alphabet, mussten aber feststellen, dass wir die einzelnen Zeichen der allgemeinen Handelssprache noch vor Seite 28 des ersten Kapitels fertig haben sollten, da hier zum ersten Mal in der Handelssprache gesprochen wird und der kyrillische Zeichensatz nicht dazu ausreicht, alle nötigen Laute darzustellen. Das Alphabet der allgemeinen Handelssprache setzt sich aus 33 Buchstaben und einem Weichzeichen zusammen, dessen Anwendung 17 zusätzliche Aussprachmöglichkeiten der Konsonanten ermöglicht. Okay, wenn ich mir das so anschaue gerade… Heilige Scheiße. So ganz einfach ist die Sprache jetzt doch nicht geworden, aber so wie Shin das gestern bereits schulterzuckend sagte: "Sprachen sind so."

Viel Arbeit liegt noch vor uns, aber es entwickelt sich doch ganz interessant. Im nächsten Blogeintrag werden wir gegebenenfalls über die Adjektive und den genauen Satzbau sprechen – mal sehen, wie weit wir bis Freitag kommen :-)

Knuddels und Umarmungen, ihr Lieben!
Eure Adroth und Shin

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