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Freigeschaltet am 28.08.18 21:19
Haltlos
Hallo ihr Lieben, Adroth hier. Wie sagte mal ein kluger Mann? "Pack' Dein Publikum in den ersten zehn Minuten, dann fragt keiner mehr nach der Logik."

Nun geht es mir hier gar nicht wirklich um Logik – viel mehr schreibe ich mir wieder ein paar Dinge von der Seele. Es ist eine Dokumentation, die mit zu meiner Arbeit an "Wohin Du Willst" gehört und gleichzeitig ist es auch eine Art Therapie. Wer kein Bock hat, meinen Psychiater zu mimen, kann sich gern das Video anschauen und weiterziehen. Wer mehr über die Hintergründe des Motivs "Haltlos" erfahren möchte, kann unterhalb des Videos weiter lesen. Ganz gleich, wie ihr euch entscheidet – ich wünsche euch viel Spaß.



Als Shin und ich mit "Wohin Du Willst" durchstarteten, erwarteten wir nicht, dass alles nach Plan verläuft oder von vornherein perfekt funktioniert. Tagtäglich stehen wir vor neuen Herausforderungen, aber das ist das Tolle an unserem Comicprojekt – um weiter zu kommen, müssen wir immer wieder über unsere eigenen Schatten springen, und glaubt uns: das ist ein sehr spannender Prozess.

Oft ist die Arbeit an "Wohin Du Willst" inspirierend und bereichernd, an manchen Tagen frustrierend, gelegentlich zum Ausrasten, manchmal zum Lachen und manchmal zum Heulen und bei solch einer reichen Palette an Gefühlen steht es außer Frage, dass man mit dem gesamten Herzen an den Charakteren und ihren Schicksalen hängt. Wer wachsen will, muss leiden – wo sonst würden wir unsere Lebenserfahrung hernehmen? Wie könnten wir andernfalls über die Dinge schreiben, die Reaktionen in uns und anderen auslösen; die uns berühren und beschäftigen? Ein Projekt, das einem so nahe geht, bietet gute Orientierung – die Ziele sind klar. Allerdings werden auch die Hochs und die Tiefs extremer: bei Erfolg verspürt man Anflüge von Euphorie, die Niederlagen dagegen sind um so niederschmetternder. Gelegentlich steht man sogar vor einem Abgrund und muss sich entscheiden eine Brücke zu bauen, drüber zu springen oder sich fallen zu lassen.

Manchmal wird man auch hineingestoßen.

Gnogh ist einer meiner absoluten Lieblinge. Ich liebe ihn so f*cking sehr, aber es ist nicht immer einfach, mit ihm zusammenzuarbeiten. An manchen Tagen tut es regelrecht weh – ganz besonders, wenn man sich mit seiner Vergangenheit auseinandersetzen muss.
Manche von euch dürften ihn aus unserer "Salz Lolly"-Comicreihe kennen, die im Hier und Jetzt spielt und im Grunde verspricht, dass alles gut wird. Allerdings ist der Weg noch lang und Gnogh wird gezwungen sein, ihn zu gehen. Ich würde ihn am liebsten direkt auffangen und ihm sagen, dass er es geschafft hat – aber dann wären wir schon am Ende von "Wohin Du Willst" – Wir aber stehen noch ganz am Anfang unserer Reise.

Im Grunde haben Shin, Gnogh und ich den gleichen Weg – wie könnten wir uns denn auch jemals wieder voneinander trennen? Scheinbar ist dieser Weg fiktiv, aber auch in der Realität muss er gegangen werden: Tag für Tag, Zeichnung für Zeichnung, Seite für Seite. Und dieser Weg ist verdammt steinig, selbst wenn man ihn gerne geht. Auch die schönste Reise kann ermüden. Was tun, wenn man schlichtweg nicht mehr kann? Anhalten, ein wenig verschnaufen und über die Meilen nachdenken, die man bereits zurückgelegt hat.

Das Motiv "Haltlos" sollte ursprünglich für eine Anzeige verwendet werden. Man könnte sagen, dass mich vor zirka einem Monat etwas aus dem Jahr 2017 eingeholt hatte und das nicht zwingend auf eine angenehme Art und Weise. Letztes Jahr hatte ich für einen Verein ein Sammelband mit Geschichten gelayoutet und illustriert: sehr viel Aufwand für sehr wenig Geld, da das Projekt nicht darauf ausgelegt war, Profit zu erbringen. Nur die entstandenen Kosten sollten mit dem Geld, das beim Verkauf der Bücher eingenommen wurde, abgedeckt werden.
Die Illustrationen waren in meinem Honorar nicht inbegriffen. Ich hatte die extra Arbeit freiwillig auf mich genommen, um die vielen leeren Flächen im Buch zu verschönern, die sich all zu oft bei den Übergängen von einer zur anderen Kurzgeschichte gebildet hatten. Zudem war im Gespräch, dass bei einem erneuten Druck des Buches auch für mich wieder etwas Geld drin sein würde. Warum also nicht das Endprodukt so gestalten, dass die Leute auch Lust bekommen, es nachzudrucken?

Vor einem Monat war es dann soweit – von dem Buch soll in absehbarer Zeit eine weitere Auflage erscheinen. Nach einem Gespräch mit einer lieben Freundin, die mir den Job ursprünglich besorgt hatte, wandte ich mich an den zukünftigen Neuverleger des Buches und fragte den Verlagschef, wie es denn mit einer kleinen Gewinnbeteiligung pro Buch wäre: Ich hätte mich selbst auf mickrige Centbeträge eingelassen – denn Kleinvieh macht bekanntlich auch Mist. Doch ich wurde abgeschmettert. Der Verleger müsse alle Daten kostenlos bekommen, hieß es, da er ja mit dem Nachdruck des Buches ein zu großes Risiko eingehen würde. Die Antwort machte nur wenig Sinn, hatte ich doch vorgeschlagen eine Gewinnbeteiligung pro verkauftes Exemplar zu erhalten. Stattdessen bot mir der Verlagschef an, eine einmalige Anzeige in einer Fachzeitschrift zu schalten, die monatlich in ihrem Hause erscheint. Ihr vermutet richtig: mit Comics, Fantasy oder Sciencefiction hat diese Fachzeitschrift so viel zu tun, wie Scheiße mit Schokolade (Okay, es gibt da tatsächlich eine Verbindung zwischen Scheiße und Schokolade, aber die ist nicht sonderlich appetitlich...).

Da ich niemandem Steine in den Weg legen wollte, ließ ich mich zähneknirschend auf den Vorschlag ein, allerdings nur unter der Bedingung, dass auch in dem Buch, welches ich gesetzt und illustriert hatte, eine Anzeigenseite von mir mit drin sein würde. Da mischte sich natürlich auch der Verein mit ein, aber ich erhielt dann doch die Erlaubnis, eine Anzeige für das Buch zu gestalten.

"Alles gut", dachte ich mir: "Damit kann ich arbeiten."

In kürzester Zeit entstand so der Entwurf von "Haltlos" und langsam freundete ich mich mit dem Gedanken der Anzeigenschaltung an. Irgendwann empfand ich es sogar als deutlich sinnvoller für unser Herzensprojekt: Geld ist Geld, aber eine Anzeige, die könnte andere auf unseren Comic aufmerksam machen – und das ist toll! Ich entwickelte regelrecht eine kindliche Vorfreude und konnte es nun kaum abwarten, schon bald ein frisch gedrucktes Buch aufschlagen zu können und darin unsere "Wohin Du Willst" Anzeige vorzufinden. Wie GEIL ist DAS denn?

Doch trotz aller Vorfreude blieb ich skeptisch. Bei all den E-Mails und Telefonaten glaubte ich zwischen einzelnen Zeilen herauszuhören, dass die Anzeigenschaltung trotz der Erlaubnis des Vereins immer noch gekippt werden könnte und entschied deshalb, das Motiv so zu gestalten, dass ich auch außerhalb des Buches Verwendung dafür haben würde.
Ursprünglich war das Motiv im selben Stil wie die Illustrationen im Buch geplant: eine Strichzeichnung in Graustufen sollte es werden. Auf den letzten Drücker entschied ich mich aber, den eigentlichen "Wohin Du Willst" Zeichenstil zu verwenden und die Illustration farbig anzulegen. Das Bild im Nachhinein in eine Graustufengrafik umzuwandeln wäre ja sowieso easy-peasy. Die farbige Illustration könnte ich aber in Zukunft auch für Plakate und Flyer verwenden. Zudem entschied ich mich dazu, den Entstehungsprozess des Motivs aufzuzeichnen. Man kann ja nie wissen, wann man wieder ein Speedpaint-Video braucht.



Vernünftige Entscheidungen, wie sich später herausstellen sollte.

Doch zuerst flog mir die erste "Wohin Du Willst" Anzeige volle Granate um die Ohren. Der Verein lehnte sie ab mit der Begründung, dass der Stil der Illustration nicht zum Buch passen würde und wir einigten uns darauf, dass ich das Bild an die Illustrationen im Buch anpassen würde. Damit war der Verein einverstanden – oder zumindest hatte ich das so verstanden. Mittlerweile war ich schon etwas angefressen und fühlte mich verarscht. Kurzzeitig überlegte ich mir sogar, dem Verein und dem Verleger mitzuteilen, dass sie alle meine Illustrationen aus dem Buch entfernen sollen und mich einfach nur noch mit ihrem Scheiß in Ruhe lassen.

Aber ich bin ja ein geduldiger Mensch. Nicht immer. Wahrscheinlich sogar weniger oft, als ich es mir eingestehen will… Aber manchmal bin ich auch zu geduldig.

Ich erstellte eine Abwandlung des Motivs. Die erste Illustration diente mir als Vorlage, was mir sehr dabei half, schneller vorwärts zu kommen. Nicht mehr ganz so zufrieden mit dem Bild, nun allerdings der Überzeugung, dass der Erscheinung der "Wohin Du Willst" Anzeige im Buch nichts mehr im Wege stehen dürfte, versendete ich die fertige Druckdatei an den Verleger und setzte den Vereinsvorsitzenden in Kopie.



"So", dachte ich: "Cool." Und freute mich.
Blöd nur, dass ich dann wieder eine Watsche kassierte.

Einen Tag nach dem Versand der überarbeiteten Anzeige erhielt ich einen Anruf: nun erklärte man mir seitens des Vereins, dass die Anzeige nicht nur optisch, sondern auch inhaltlich hätte zum Buch passen sollen (und wir reden hier von einem sehr speziellen Thema – wie gesagt: Scheiße und Schokolade und so...).
Ich erklärte, dass es für mich gar keinen Sinn macht, Werbung für etwas zu machen – nun ja – was ich schlicht weg nicht mache. Das wäre wie… wenn ich Flugzeuge verkaufe, aber Werbung für Autos schalte. Offenbar erwartete man aber von mir, das ich zwar Werbung für meine Arbeit mache, sie aber dabei gar nicht bewerbe, weil sie thematisch nicht zum Buch passt.

Paradox.
Ich reagierte mit völligem Unverständnis.
Dann mit Entrüstung und Ablehnung.

Schließlich verkündete ich, dass ich aufgebe. Ich erklärte, dass ich die Anzeige nicht nochmal überarbeiten würde. Der Verein solle die Sache einfach vergessen. Ich würde mich in Zukunft aus dieser ganzen Buchgeschichte raushalten und sie sollen mich einfach nicht mehr damit behelligen.

Dann legte ich den Hörer auf und heulte erst einmal eine Runde.
Ich war extrem enttäuscht.

"Irgendwie passend", dachte ich mir im Nachhinein, als ich einen Blick auf den Anzeigenentwurf warf, der immer noch an meiner Wand hing: "Nun haben sie mich einfach fallengelassen. Wir werden wohl beide nicht besonders weich landen, mein Guter. Vielleicht beim nächsten Mal."

Ich erinnerte mich leicht verbittert an die Vereinsveranstaltung zur Neuerscheinung des Sammelbandes, zu der ich Ende 2017 eingeladen wurde. Ich dachte an all die Vereinsmitglieder, die an meinen Tisch gekommen waren, ihre Begeisterung über die Gestaltung des Buches äußerten, in hohen Tönen von den Illustrationen sprachen und mich sogar darum baten, ihnen kleine Zeichnungen in ihre Buchexemplare reinzuscribbeln. Viele alte, knarzige Männer waren dabei und ich fand das irgendwie süß; fast schon rührend. Und nun war es von meiner Seite aus zu viel verlangt, mir eine Seite Platz in dem Buch zu gönnen, an dem ich so lange gearbeitet hatte und für die sie hätten keinen einzigen Cent zahlen müssen.

So sind Menschen manchmal.
Aber zum Glück nicht alle.

Mittlerweile habe ich wieder mit meiner Freundin gesprochen. Als ursprünglich wichtiger Unterstützer des Buchprojektes versprach sie mir, dass sie sich um eine kleine finanzielle Entschädigung kümmern wird. Noch wichtiger ist, dass sie mir ihre Hilfe beim Bewerben und Puschen von "Wohin Du Willst" zugesichert hat und mir zudem ein paar nützliche Kontakte zukommen ließ, die in Zukunft für Shins und meine Arbeit relevant sein könnten. Das schätze ich so an ihr und ich bin ihr auch sehr dankbar dafür, dass sie sich so für unser Projekt einsetzt.

Trotzdem bin ich extrem enttäuscht – hatte ich mich doch mittlerweile sehr auf die Anzeigenschaltung gefreut. Nun gut. Jetzt ist der Dampfer abgefahren und man muss wieder nach vorne blicken.

Dem Verein nehme ich seine Aktion allerdings sehr übel. Nach dem überwältigenden positiven Feedback seitens seiner Mitglieder hatte ich mit so viel Kratzbürstigkeit und Starrsinn nicht gerechnet. Aber, okay. Niemand hatte mich gezwungen die Illustrationen für das Buch zu machen – auch wenn sie beim Verein sehr gut angekommen sind.

Jetzt allerdings kommt die gute Nachricht: Der Verlag hat zwar meine Erlaubnis, die Illustrationen im Buch drin zu lassen, aber auch ich kann damit immer noch anstellen, wozu ich Lust habe. Deshalb habe ich nach Absprache mit Shin beschlossen, dass in Zukunft die ganze Welt die besagten Bilder frei verwenden darf.
In den kommenden Wochen werden Shin und ich uns um einen Karrakula Pixabay-Account kümmern, wo wir jede einzelne Illustration, die extra für das Buch erstellt worden war, hochladen werden. Ihr könnt euch unseren Account gern schon mal vormerken – ein ausführlicher Blogeintrag darüber folgt aber noch.

Vielleicht bin ich nachtragend, aber das ist die einzige Möglichkeit, wie ich mit dieser Situation doch noch schulterzuckend abschließen kann: Wenn der Verlag und der Verein meine Illustrationen für ihr Buch frei verwenden wollen, können sie das gerne tun – genau wie der Rest der Welt.

Abschließend kann ich aber getrost sagen: Trotz all dem Hickhack, den ich wegen der Anzeige durchmachen musste, sehe ich auch all das Positive, das daraus erwachsen ist. (1.) Ich hatte einen vernünftigen Grund Gnogh zu zeichnen – und ich kann nicht beschreiben, wie sehr ich es aktuell vermisse ihn zu zeichnen! (2.) Shin und ich haben eine Plakatvorlage geschaffen, die wir nun nutzen können, um "Wohin Du Willst" zu bewerben – dazu später mehr. (3.) Wir wollten schon seit einer ganzen Weile einen Pixabay-Account einrichten – nun haben wir endlich Inhalte, die wir darauf bereitstellen können. (4.) Parallel zu allem ist ein neues Speedpaint-Video entstanden, in dem ich mich wieder etwas an die Digital-Doll-Animation herangetastet habe und endlich diesen vermaledeiten Überbelichtungsfehler ausmerzen konnte, der in jedem zuvor hochgeladenen Video auftaucht. (5.) Ich liebe das Musikstück "Why We Lose" von Cartoon und ohne das Motiv "Haltlos" hätte ich es vermutlich niemals gefunden. Es passt einfach so perfekt zu "Wohin Du Willst"! Wenn wir mal einen Soundtrack herausbringen sollten, dann wird das Stück definitiv mit dabei sein, denn mit den wenigen Worten, die der Sänger von sich verlauten lässt, spricht er mir irgendwie aus der Seele. Die Botschaft, die ich persönlich in dem Lied erkenne, ist: Es gibt für alles einen Grund – allerdings haben wir es in der Hand, das Beste aus unserer Situation zu machen. Scheiße, man. Ich liebe dieses Lied. Ich liebe es. So. Unglaublich. Sehr.

Jetzt aber aus reinem Interesse: Wie würdet ihr mit dieser ganzen Anzeigen-Situation umgehen?

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